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Amusement For The Masses 0

Gerade hatte ich eine interessante Diskussion per Jabber mit Bernd Wurst zum Thema “Kulturindustrielle Regression”. Dadurch angespornt will ich dieses Thema nun einmal etwas ausführlicher behandeln.

Funktion und Intention
Grundsätzlich sei einmal angemerkt, dass zum Verständnis von Wirkungsweisen, Wechselwirkungen, Dialektiken etc. innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die Frage nach der Intention meist unbeantwortet bleiben muss, will man nicht in diffuses Gerede von maximal verschwörungstheoretischer Qualität abdriften. Somit bleibt – um bei der Überschrift zu bleiben – die Analyse der Funktion.
Die Kulturindustrie bzw. in diesem Fall ihre Subsektion der E-Medien<sup>1</sup> fungiert in der bürgerlichen Gesellschaft als negatives Pendant der zu Tode verwalteten Aufklärung; als Manager von Klatsch & Tratsch, also Amusement. Dieser Charakterzug ist somit eben nicht nur den U-Medien<sup>1</sup> sondern auch den E-Medien immanent. Die Beschwerde darüber, die Öffentlichen böten zu wenig Niveau, ist die Affirmation ihres Charakters ebenso wie der Begriff des Niveaus selbst. Trotz alledem offenbart sich hier die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft: der klassische Begriff des Maß haltens, also der bemessenden Interaktion, ist in seiner real vielfach praktizierten Umkehrung noch fälscher und kontraproduktiver<sup>2</sup> als sein Ideal selbst. Doch dieses Ideal selbst ist Selbstbetrug: es haluziniert Auswahl wo keine ist und verschleiert die ständige Logik von Angebot und Nachfrage. Wenn also das Bekenntnis zum Ideal steigt, steigt dessen Befriedungsangebot. Folglich ist die Existenz der siamesichen Zwillinge U und E ausschließlich Marktöffnung für den Kundenkreis derer, die das Maß halten für sinnig halten.

Reaktio
Dieses benannte Ideal ist Ausdruck einer konservativen Kulturkritik, die den neuzeitlichen Phänomenen allgemeiner Verrohung<sup>3</sup> bei gleichzeitiger transnationalen Gebärde und antiintellektueller Regression, Forderungen des Bewahrens eines bestimmten kulturellen Standards entgegensetzen. Erhaltung von Niveau als kleinbürgerliche Reaktion statt subversive Destroierung des Begriffs, sprich: progressive Auflösung der moralischen Kategorie. Nachvollziehbar aber eben falsch.

Aktio
Wenn also nicht mehr Nachfrage das Angebot bestimmen soll, also jenseits der Warenkategorie Information unchiffriert distributiert werden soll, dann zu allererst die Idee Professionalität aufzugeben: Filterung geschieht oft aus viel subtileren Gründen aber oft schon ist sie der zweckrationalen Notwendigkeit geschuldet Meinung zu machen. Die Idee des kritischen Verstandes, der Information aus breiten Quellen mit wirklicher Wahlmöglichkeit<sup>4</sup> kann eine sein, die aufklärerisch wirkend kann. Färbung, Meinung etc. ist dann kein Problem mehr, da Monopolismus nicht die Wichtigkeit bestimmen, sondern Qualität. Soziale Interaktion als Filter, sozusagen.

Erläuterungen


  1. <span id=“am_001”></span>Abgeleitet von der Kategorie der E-Musik. Der Prefix E steht hierbei für ernst. Counterpart: U-Musik (Unterhaltungs-).
  2. <span id=“am_002”></span>Hier gemeint im Sinne des Widerspruchs zum Eigentlichen
  3. <span id=“am_003”></span>Beispielsweise Verherrlichung von Gewalt und sexistischem Habitus als Teil von Jugendsubkulturen
  4. <span id=“am_004”></span>Jenseits der Wahl zwischen Pro 7 und Sat 1

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Schwundgeld und romantische Kapitalismuskritik 23

Heute bloggte der Schockwellenreiter zum <em>“Berliner”</em>, einem in Berlin ansässigen Schwundgeldprojekt. Die Idee des Schwundgeldes, auch Freigeld genannt, also ein System in dem Geld ein Verfallsdatum trägt, geht zurück auf den Möchtegern-Ökonomen Silvio Gesell. Dessen Theorie, welche heute als Gesellianismus oder Freiwirtschaftsle<s>e</s>hre bezeichnet wird, beschrieb zwei Faktoren, welche dem Kapitalismus immanent seien und konstruierte diese als widerstreitende Parts: Investition vs. Spekulation. Dieser angebliche Widerspruch, den die Nationalsozialisten dann mit <em>“raffendes vs. schaffendes Kapital”</em> zu charakterisieren wussten, löste Gesell auf, in dem er die Einführung einer Währung forderte, die nicht spekulativ einsetzbar sein sollte. Als braver deutscher Arbeitsfetischist befand er sich damit voll im Trend: wer nicht arbeitet soll auch kein Geld verdienen; dem Schwundgeld sei Dank sollten <em>“leistungslose Einkommen”</em> nicht länger möglich sein.
Die Theorien Gesells sind nicht nur kompletter Blödsinn, sondern zusätzlich noch höchstgefährlich. Die Idee des Schwundgeldes zwingt dazu, Geld zeitnah auszugeben, sprich ein Zwang zu konsumieren oder zu investieren. Dies nimmt das bisschen bürgerliche Freiheit, sich zwischen Ware <em>A</em> oder <em>B</em> entscheiden zu können. Ebenso ist der gesell’schen Theorie ein militanter Arbeitszwang immanent, der nicht nur Arbeitslose, Kranke und Behinderte ausschließt, sondern ihnen auch noch die Schuld für ihr Elend gibt. Zudem selbstredend die vielen antisemitischen Anknüpfungspunkte, die diese Theorie bietet (<em>“schaffendes vs. raffendes Kapital”</em>).

Aber das Schwundgeld ist nur ein Teil des gesellianischen Quatschs: in der Grundtendenz der Ideologie basiert diese auf einem kruden Naturbegriff, der das Geld als einzig unnatürliches Projekt des menschlichen Zusammenlebens sieht. Diese abstruse Idee, das der Mensch als domestiziertes und zivilisiertes Wesen, der Kategorie <em>Natürlichkeit</em> eine wichtige Bedeutung beimessen sollte, braucht den antizivilisatorischen Reflex genauso, wie die Idee der immanenten Widersprüche innerhalb der Werttransformation.

Auch heute hat Gesell noch viele Anhänger unter all jenen, die meinen, am Kapitalismus sei irgendwas zu retten. So finden sich z.B. bei den No-Globals von Attac neben der normalen reaktionären Kapitalismuskritik dieses <em>“emanzipatorischen Erfolgsprojekts”</em> auch um Einfluss heischende Gesellianer.

Schade Schockwellenreiter, ein bisschen mehr als nur die Präsentation des sich irgendwie alternativ gebenden Projekts – das sicher zum Prenzlauer Berg passt – wäre doch drin gewesen, oder?

Lassen wir doch einen zu Wort kommen, der was von seinem Handwerk verstand:

“Die Notwendigkeit, eine Naturkraft gesellschaftlich zu kontrollieren, damit hauszuhalten, sie durch Werke von Menschenhand auf großem Maßstab erst anzueignen oder zu zähmen, spielt die entscheidendste Rolle in der Geschichte der Industrie.”
Karl Marx, Grundrisse

…und wer will schon ohne Industrie leben.

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Professioneller Journalismus vs. amateurhaftem Blogging 16

SAT 1, bzw. dessen Sendung Planetopia griff in seiner letzten Sendung analytisch reichlich daneben. Nicht, dass man von Sendern, deren Grundlage der Fetischcharakter des Kulturbetriebs ist, anderes erwartet aber in dieser Form der organisierten Plattitüde ist es dann doch noch ungewöhnlich.
In der Sendung kommen die vorgestellten Blogs nicht sonderlich gut weg. Der Schockwellenreiter wird als Protagonist einer Gerüchtewelle diskreditiert. Er habe, so die unverschämte Darstellung, das Gerücht um den Neonazimord von Sebnitz zu verbreiten geholfen. Das mag sein und wenn dem so ist, dann ist das sicher zu kritisieren. Nur: dieses Beispiel dient ganz und gar nicht dazu, um Weblogs in Misskredit zu bringen und kommerzielle Medien in ein positives Licht zu rücken. Denn genau bei diesem Vorfall waren es die TAZ, die Bildzeitung und die Berliner Morgenpost, welche hernach vom Deutschen Presserat gerügt wurden.
Aber nun etwas mehr zu theoretischen Argumentation der SAT 1-Sendung.

Fehler I: Objektivität
Die Konstruktion der Objektivität bedarf der Negation der Subjektivität, ebenso wie der Intersubjektivität. Das Prägende eines Diskurses wird somit zur Wahrheit erhoben, anstatt es bei der Attitüde der Wichtigkeit bzw. Zentralität zu belassen. Betrachtungsobjektivität ist eine Worthülse, die die Zemetierung der sozialen Verhältnisse forciert, anstatt diese Art des Diskurseingriffs als nichtig und diskursiv-tricky zu erkennen.

Fehler II: Neutralität
An den obigen Gedanken schließt sich an, dass Neutralität immer nur eine vermittelte Neutralität sein kann. Totale Neutralität kann es schon allein deswegen nicht geben, weil sich das Konstrukt durch den Sozialrahmen und den sozialen Subraum selbst vermittelt.

Als Conclusio ließe sich also formulieren, dass der entscheidenste Unterschied zwischen dem Mainstream der Medien und z.B. Weblogs das Austragen der Subjektivität seitens der Blogger ist und nicht eine Dialektik zwischen Subjekt und dessen angeblich möglicher Objektivität. Anstatt darauf zu beharren, dass Information faktisch, also objektiv und neutral zu sein habe und somit nichts anderes zu tun, als dass reale Gefälle zu annulieren, ist das Beharren auf Subjektivät das Beharren darauf, dass ein Mensch Mensch sein darf. Und dass sich der Mensch innerhalb seinen Bezugsrahmens und mit seinen Meinungen, Attitüden und Ideologien nicht zurückzuhalten habe, sondern diese der Diskussion unterwirft.
Der Leser eines Weblogs soll entscheiden, ob die Nachricht plausibel klingt. Solcherlei Habitus sollte bei jeglichem Lesen verwand werden. Wenn SAT 1 meint, Weblogs müssten kritisch gelesen werden und properitäre Medien nicht, dann ist das der Aufruf dazu, sich der Totalität der bürgerlichen Gesellschaft hinzugeben anstatt <i>in generale</i> kritische Reflexion walten zu lassen.

Auch auf die Gefahr hin, dass es anstrengend wird, auch hierzu hat Adorno was gesagt:

“Fakten sind in der Gesellschaft darum nicht das letzte, daran Erkenntnis ihren Haftpunkt fände, weil sie selber vermittelt sind durch die Gesellschaft”
Theodor W. Adorno

Hanno merkte noch folgendes an:

“Wenn SAT 1 gegen Weblogs stänkert, dann ist das in etwa so seriös, wie wenn CocaCola meint, Pepsi würde nicht schmecken.”

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CH7 - Open Source kann auch gut sein 3

Vor einigen Tagen habe ich gemeinsam mit Hanno Böck den Film Route 66 – ein amerikanischer Alptraum angesehen. Dem Blogartikel ist nichts hinzuzufügen.

Viel interessanter dann heute der Film CH7, der wirklich erste Film unter einer freien Lizenz (naja, in jedem Fall so ein bisschen frei). Der Film manifestiert die adornitische Erkenntnis

“…in dem lückenlosen Gefüge der Verdoppelung der Realität durch die technische Apparatur des Films wird jede Intention, und wäre es selbst die Wahrheit, zur Lüge.”
Minima Moralia
in der doppelt absurden Form der cineastischen Reinkarnation. Also die Kritk vermittelt sich durch das Kritisierte.

Story:
Der Film beginnt mit einer Szene in der zwei Bewerber einer Schauspielschule innerhalb des konkurrierenden Prozesses unterliege, sprich: nicht angenommen werden. Die weibliche Protagonistin tritt hieraufhin eine Stelle als Mädchen für alles bei einem Fernsehsender, CH7, an. Frustriert über die Verfasstheit der Medienwelt und ihrem Job hierin, beschließt sie, gemeinsam mit dem anderen “Durchgefallenen” einen Film zu drehen. Hinzu kommt einer ihrer Freunde, notorisch pleite und mit strafrechtlich eher gräulicher Weste bekleidet, welcher das Trio komplettiert. Aufgrund der fehlenden Finanzmittel und eines missglückten Versuchs, dieses Problem durch einen Besuch an der Quelle, einen Banküberfall, zu lösen, stiehlt die Hauptdarstellerin (Tina, gespielt von Denise Meilli) eine Kamera des sie beschäftigenden Senders CH7. Damit beginnen die drei ihr krudes Filmprojekt. Nun beginnt der weiter unten genauer ausgeführte Film im Film. In Ermangelung eigenen Personals werden die Darsteller des Film jeweils, Szene für Szene, rekrutiert. Und dies mit Teils obskuren Mitteln. So wird ein nicht genauer spezifizierter Besuchers einer zur medialen Selbstbeweiräucherung angelegten Veranstaltung unfreiwillig der filmischer Mörder der Leaderin einer klassisch-nervigen Girlieband. Die Antizipation des Endes würde dem Film sein Geheimnis und somit sogleich auch seine Intention rauben. Schaut ihn euch doch einfach selber an.

Der Film, dessen erweiterter und formulierter Kontext die Frage des Widerspruchs zwischen Kreativität und Konsum ist löst diese Frage gleich doppelt absurd auf. Darsteller des Film sind zugleich Vermittler und Ziel der eigenen, in sich vermittelnden Kritik. Das cineastische Werk erlaubt sich hierbei viele hübsch verwendete Anleihen an Goethes Faust (Film im Film, vgl. Szene Walpurgisnacht, Faust I, Theater im Theater) und dem klassischen

“Habe ach nun hier Juristerei und Medizin
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!”
Johann Wolfgang v. Goethe, Faust I, Szene Nacht
Dies macht den Film sehr reizvoll. Hinzu kommt die politische Intention der Macher des Films, welchen damit eine Intervention in die Debatte um Copyrights, Patente u.ä. gelingen wollte.

Macht weiter so!
Schließen möchte ich, wie so oft, mit den Worten meines Hausgotts Adorno, welche ich recht passend finde und dem Film anhein stellen möchte:

“Der totale Zusammenhang der Kulturindustrie, der nichts ausläßt, ist eins mit der totalen gesellschaftlichen Verblendung. Darum hat er mit den Gegenargumenten so leichtes Spiel.”
Theodor Wiesengrund Adorno, Minima Moralia, S. 275

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Philosophische Fragen, Vol. 1 4

<img src=”/img/aristoteles.png” alt=”“ align=“left” />Durch die Lektüre der adornitischen Studien zum autoritären Charakter und Minima Moralia, welches aus der selben Feder stammt, stellt sich mir immer mehr die Frage was Beurteilungsgrundlage für Habitus (nach Aristoteles also physikai hexeis) und Impetus (nach selbigem: hexeis psychês) dienen sollte. Also ob Begründung, Grund, Ursache oder Realität, Faktum usw. als Rationalisierungsbasis dienen sollte. Das ist eben die Frage nach “der guten Tat aus schlechter Absicht” (wobei hier die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Kategorien gut und böse angebracht ist) und der “schlechten Tat aus guter Absicht”. Weiß jemand was sich hierzu lohnenswert als Weiterlesematerial empfehlen lässt?

Zur Frage nach gut und böse:

“Die sogenannte Freude an der guten Tat ist Selbsttäuschung – sie unterscheidet sich nicht von dem Vergnügen eines Menschen, der verdaut.”
Gustave Flaubert

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