Mein Verhältnis zur Erziehung hat sich über die Jahre bizarr gewandelt. War ich in meiner Jugendzeit, sofern ich sie für abgeschlossen halte, erklärter Gegner jeder Erziehungspraxis, auch jener, die sich antiautoritär nennt, so ist mir an diesem Punkt heute die Gesinnungsethik fremd. Meine Gedanken und Betrachtungen fanden lange Zeit exterritorial zur Kritischen Theorie statt, da sie mir zwar Handwerkszeug aber wenig konkrete Theorie bot. Von wenigen Einwürfen in »Minima Moralia« oder »Die Dialektik der Aufklärung«, dem populären Aufsatz »Erziehung nach Auschwitz« und einigen Betrachtungen Walter Benjamins einmal abgesehen. Umso schöner, dass es mir nun vergönnt ist, hier Betrachtungen zu verbinden, die bisher haltlos waren. Der Abschluss der Lektüre der Vortrags- und Interview-Sammlung »Erziehung zur Mündigkeit«, die zugleich auch den vorläufigen Endpunkt meines jahrelangen Ringens mit dem adorno’schen Werk setzt, ermöglicht dies. Nicht nur der mir wohlbekannte Aufsatz »Erziehung nach Auschwitz«, dessen erneute Rezeption ich diesmal unterließ, ist dort veröffentlicht, sondern auch »Was bdeutet: Aufarbeitung der Vergangengheit«, »Philosophie und Lehrer«, »Fernsehen und Bildung«, »Tabus über dem Lehrberuf«, »Erziehung zur Mündigkeit«, »Erziehung – wozu?« und »Erziehung zur Entbarbarisierung«. Die beiden letzten sind erstaunlich deckungsgleich mit meinen bisherigen Überlegungen. Die grundsätzlichen Paradigmen wären so zu zeichnen: Erziehung hat den Zweck der Mündigmachung; nur mündige Erwachsene können dies leisten; Erziehung gilt der Entbarbarisierung und Zivilisierung und hat – wie jede Handlung – darum Sorge zu tragen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Einige wichtige Aussagen zu den unterschiedlichen Themengebieten seien hier kurz angemerkt.
Filed on 07-06-2006, 17:05 under Erziehung, Mündigkeit, Politik, Reeducation, Theodor W. Adorno & seven comments & no trackbacks