Zur Jahreswende ist es Zeit auf die letzten zehn Jahre Popmusik zu schauen. Allen ein gutes neues Jahr zu wünschen, wann auch immer es in den jeweiligen Kalendern beginnt.
Mit der Veröffentlichung von American V: A Hundred Highway
nach dem Tod Johnny Cashs geht ein Stück
Musikgeschichte zu Ende. Die American Recordings
-Serie zeigt Cash auf dem Höhepunkt seines musikalischen
Schaffens. Wer hat nicht wenigstens eins dieser Stück gehört und nicht wieder vergessen: The Beast In Me
,
Bird On A Wire
, I See a Darkness
, I Won’t Back Down
, The Mercy Seat
, Solitary Man
.
Den Tracks des letzten Albums ist der Gesundheitszustand Cashs aufgeprägt: seine brüchige Stimme verstärkt
die Melancholie, die der ganzen Serie anhaftet. Unvergessen das Celebrity-Tribute-Video zu God’s Gonna Cut You
Down
.
Die letzte Platte ist nicht die beste der Serie, sie ist aber sicher die beeindruckenste. Ob aus pragmatisch-ökonomischen Gründen, wie bei Veröffentlichung gelästert wurde, oder aus edleren Motiven: ein Album zu veröffentlichen, auf dem deutlich zu hören ist, dass es das letzte sein wird, zwingt den Zuhörer zu irgendeiner Art von Reaktion. Und wem Cashs Musik etwas bedeutet, der wird gerade dieses Album in seiner bitteren Süße genießen.
Wenn wir schon bei Rockmusik sind: im Sommer 2007 empfahl mir ein Bekannter Modest Mouse als ein wenig verspult
aber interessanter Sound
. Und er meinte nicht
nicht picky
-interessant, sondern interessant-interessant
. Also hörte ich mir das an und reagierte
erstmal zurückhaltend. Ja, lustiger Albumtitel, ja, Musik ist Okay aber mehr war erstmal nicht. Aus heute nicht mehr
nachvollziehbaren Gründen hörte ich das Album aber weiterhin an und irgendwann gefiel es dann doch. Sogar ziemlich
gut. Jedenfalls so gut, dass ich kurz darauf Modest Mouse live sah, mir den Rest Ihrer Alben besorgte und immer
weiter hörte.
Good News for People Who Love Bad News
klingt wie heiser und aggresiv – wie Musik manchmal sein muss. Die
Gitarren schrammeln, das Schlagzeug treibt, Rockstruktur halt.
Life ain’t pretty for a dog faced boy
heißt es im Refrain von Dog Faced Boy
. Life ain’t pretty
for the E man
würde genauso passen.
Mark Oliver Everett hat mit Eels bis heute eine Reihe von Platten hingelegt, die so unfassbar gut sind, dass
selbst die schlechten noch die musikalische Konkurrenz bei weitem übertreffen. Aber über die schlechteren wollen
wir nicht reden, wir reden über Souljacker. Souljacker ist deswegen so interessant, weil es all dass, das Eels
kann, auf eine Platte presst. Da geht es krächzend los mit Dog Faced Boy
und That’s not Really
Funny
, dann folgen Fresh Feeling
und Woman Driving, Man Sleeping
ganze ruhige Stücke, die sogar
mit Streichern umso besser funktionieren, nur um wieder von einem klassischen Rock-Arrangement, nämlich
Souljacker I
, abgelöst zu werden. In Friendly Ghost
verschmelzen die beiden Stilrichtungen und
werden angereichtet mit Elementen des Folk zu einem netten 3:23 Stückchen.
Zwischen 2000 und 2009 sind ganze sieben Eels-Alben erschienen, nur eines zu loben wäre unaufrichtig. Souljacker ist die Verdichtung aller anderen Alben, die hier aber nicht unerwähnt bleiben sollen. Wer den symphonischen Teil weiter kennenlernen will, kann auf With Strings: Live at Town Hall Neuinterpretationen der Eels-Stücke mit Orchester lauschen, wem nach poppigen Arrangements zu Mute ist, der wird mit Daisies of the Galaxy glücklich.
Der deutschen Poplandschaft entsprießten um die Jahrtausendwende ein Haufen musikalisch und textlich ausbaufähiger Bands
wie Juli, Echt, Silbermond oder Revolverheld. Ausbaufähig
ist eine freundliche Untertreibung, solcher Quatsch sucht
seinesgleichen. Diese Bands mussten immer betonen, wie sehr sie von Tocotronic beeinflusst wurden. Diese Entwicklung
griffen Tocotronic 2002 mit ihrem Album Tocotronic,
auch als Weißes Album
bekannt, auf. Sicher auch aus dem Bedürfnis der Abgrenzung heraus wurde die
vormalige Sloganhaftigkeit mehr und mehr verdrängt durch diffizilere, lyrische Texte.
Reise nach 2007: Seit 1998 war die Schröder-Regierung an der Macht: Deutschland war im Reformfieber, seitdem wird gefördert und gefordert, ohne Eigeninitiative geht gar nichts mehr. In dieses Treiben hinein veröffentlichte Tocotronic 2007 ihren Aufruf, den Quatsch einfach mal sein zu lassen. Nicht als aufdringliche Liedermacher-Dichtung, sondern als höflicher Schubser, wegzulaufen, sich zu verstecken – eben zu kapitulieren, wenn man es nicht mehr aushält.
Der Klang der Platte ist, trotzdem sie als Themenalbum angelegt ist, typisch für die ehemaligen Neulinge der
Hamburger Schule: gitarrenlastig, roh. Über den Klangteppich breitet sich die Nichtstimme von Dirk von Lowtzow, die
mal brüchig und zurückhaltend wie in Dein geheimer Name
oder stampfend wie in Sag alles ab
das
stimmliche Spektrum der Band beleuchtet. Die Platte kann einfach als Rockmusik gehört werden, als poetisches Album
voller versteckter Referenzen oder eben als auch als politisches Konzeptalbum. Die Vorgänger-Alben waren richtig und
wichtig, doch nie war Tocotronic auch musikalisch so gut.
Mit Neon Bible
zeigten Arcade Fire 2007 was sie können: ungewöhnliche Arrangments an den Genre-Grenzen
von Folk und Rock unterlegt mit ungewöhnlichen Instrumenten wie Orgel und Akkordeon. Was auf dem Vorgänger
Funeral
schon anklang, Dunkelheit, Hysterie, drückende Hitze, wird hier zur Perfektion getrieben. Wer behauptet, nach Pink
Floyd könne im Pop niemand mehr Songs die Anmutung von Opern-Arien geben, sieht sich getäuscht. Der Qualität von
Neon Bible
können auch die in reaktionäre Sehnsucht sich wendenden Texte kaum etwas anhaben: zu berauschend,
zu atemberaubend ist die Schönheit dieser Aufnahme.
Und weil ich in den letzten zehn Jahren einfach kein Album gehört habe, dass mich dermaßen gefesselt hat, muss es auf Platz 1 landen.
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So. Für dieses Jahr braucht man keine Musik mehr zu hören. Es gibt dieses Jahr genau zwei wirklich relevante Alben. Einmal Arcade Fire – Neon Bible und Tocotronic – Kapitulation. Das war’s. Nichts weiter. Bis zum 1/2008 muss niemand mehr neue Scheiben anhören, die Sache ist gelaufen.
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»The Arcade Fire« or »Arcade Fire«?
However, the new album »Neon Bible« has been completely leaked. You should give it a try. Eric Clapton and the Colplay-guys cannot be both wrong.
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