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Stasi 2.0? 11

Falscher Claim zur falschen Zeit zum falschen Anlass. Quelle: hboeck.de
Irgendwelche Marketinghelden haben sich den Begriff Stasi 2.0 als angeblich entlarvendes Aufklärungssubstitut erdacht. Nun, an dem Begriff ist so ziemlich alles falsch.

Ein wenig Diskursanalyse: die Stasi ist im Diskurs in Deutschland so etwas wie das Markenzeichen der DDR. Sie gilt als simples synonym für die Herrschaftspraxis der SED in der ehemaligen DDR. Sie wird gedacht als der DDR-Gesellschaft zugleich »dem Volke« eigen (»der Spitzel von nebenan«) und fremd (»der Spitzel der sich dem Staat, dem fremden Element, andient«). In der Tendenz überwiegt aber die Zuschreibung »fremd«, da das gute Kollektiv ja vor allem unter dem Druck der bösartigen Führung zu solcherlei Gemeinheiten untereinander neigte und der Spitzel ob seiner Tätigkeit für den als fremd gedachten Staat sich seiner ursprünglichen Gemeinschaftlichkeit beraubt. Der Vergleich »Stasi 2.0« behauptet also, dass »von oben« fiese Dinge angestoßen würden, die dem guten Eigenen gänzlich fremd seien. Man tut also so, als stieße die Entwicklung zu einem Staat, der seine Bürger so innig liebt, dass er ihnen ständig Eifersuchtsszenen macht, in keinster Weise auf Gegenliebe beim Objekt der Begierde. Nun, wie Daniel hübsch parphrasierte: der Staat macht mit seinem Volk das was es will. Seit Jahren sinkt die Kriminalitätsrate und trotzdem fühlen sich meine paranoiden Mitbürger den ganzen Tag bedroht. Jeder noch so kleine Platz ist nun mit einer Videokamera versehen und manch einer ärgert sich vor allem darüber, nicht selbst am Monitor zu sitzen. Als würde in Deutschland der Ruf nach Zivilcourage nicht häufig mit Enturbanisierung von Lebensverhältnissen verwechselt. Alle sollen wieder alle kennen müssen und man überprüft sich gegenseitig, dass auch noch ja alles »in Ordnung« ist.
Auch suggeriert der Vergleich, dass diese Entwicklung wie aus heiterem Himmel hereinbräche, als ob jetzt akut die Wiederkehr der Stasi zu verhindern sei. Als sei nicht die Lust am Voyeurismus, die der Bürger, solange er ihr selbst anhängt, seiner Ordnungsmacht schwer untersagen kann, das Problem um das es sich dreht. Ein Phänomen dass es auch nicht erst seit gestern Abend gibt.
Zudem, ein technisches Detail: jede popelige Landesverfassungsschutzbehörde war zu wahrscheinlich jeder Zeit zu weit mehr fähig, als die Konkurrenz im Osten. Aber das sollte man flennenden Dissidenten und ihren Wiedergängern eher nicht auf die Nase binden.
Albern ist es auch, an einem Konzept wie Datenschutz zu hängen. Was soll das bitte sein? Es geht schlichtweg um nichts anderes als Privatssphäre. Die schlichte Möglichkeit, den eigenen Neigungen ohne Beobachtungen durch Nachbar, Staat oder Journallie nachgehen zu können.

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Comments

  1. Dirk Olbertz replys:
    published on April 19th 2007, 10:33:42 am *

    Ich finde den Begriff "Stasi 2.0" gut, weil es plakativ verdeutlicht, worin die Gefahren von Vorratsdatenspeicherung & Co. liegen.

    Und es scheint, als wenn man nur so diese Problematik überhaupt aus der Blogosphäre in die Offline-Welt transportieren kann.

    Sehr schön fand ich auch folgende Idee, dich ich bei dataloo in den Kommentaren gelesen habe: einfach Herrn Schäuble eine Ausgabe des Buchs "1984" zuschicken.

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  2. Lars Strojny returns:
    published on April 19th 2007, 11:37:07 am *

    Aber das Problem ist doch nicht ein Schäuble, sondern die generelle Akzeptanz für solche Maßnahmen in Deutschland. Und Stasi 2.0 ist eben deswegen albern, weil es den falschen Vorgang auch noch falsch erklärt, also vollkommen an dem was passiert vorbeizielt. Das Problem ist, dass sich Volk und Innenminister in ihren Handlungen durchaus einig sind, dass also gerade nicht "der pöhse Staat" mit seinen Bürgern tut, was denen nicht gefällt, sondern umgekehrt. Wenn Schäuble sagt, "aber die Bevölkerung hat ein veritables Sicherheitsbedürfnis, dem die Politik Rechnung tragen muss", dann hat er recht. Aber genau dieses skurrile Sicherheitsbedürfnis ist das Problem aus der überhaupt erst krude Fantasien zur Erfüllung entstehen.

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  3. Daniel Kulla says:
    published on April 19th 2007, 11:23:17 am *

    Ich finde das Label "Stasi 2.0" auch daneben:

    http://www.classless.org/2007/04/18/vorratsdatenspeicherung/

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  4. Lars Strojny means:
    published on April 19th 2007, 11:38:36 am *

    Ich weiß doch, deswegen bist du verlinkt. Pff, Linkdropping :-)

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  5. Daniel Kulla opines:
    published on April 20th 2007, 04:06:50 pm *

    Ich altes Blogtier!

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  6. Lars Strojny supposes:
    published on April 21st 2007, 01:17:22 am *

    Dieses Internet ist einfach nicht gesund. Für den Volkskrpr (Web 2.0 Edition).

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  7. mawa states:
    published on April 22nd 2007, 10:02:37 pm *

    "Jede popelige Landesverfassungsschutzbehörde war zu wahrscheinlich jeder Zeit zu weit mehr fähig, als die Konkurrenz im Osten."

    Es ist ein Jammer, dass du dir ausgerechnet in einem Artikel, in dem du so viel Richtige sagst, mit diesem völligen Bullshit jedwede Glaubwürdigkeit unter dem Hintern wegschießt. Die Stasi hatte eine sechsstellige Zahl Hauptamtlicher, ein relativ und absolut gigantisches Budget und carte blanche für die beste aus dem Westen importierbare Technik. Man muss schon schwurbelig kontrafaktische Vorstellungen von der Realität der 1980er haben um zu glauben, irgendeine bundesdeutsche Sicherheitsbehörde hätte da nur annähernd mithalten können.

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  8. Maike opines:
    published on May 10th 2007, 09:19:52 pm *

    Die Stasi hatte etwas zu bewältigen, das bundesdeutsche Sicherheitsbehörden nicht zu bewältigen haben: fehlende Pressefreiheit, fehlende öffentliche Kommunikationen unter KritikerInnen. Das wurde durch die Zahl der Spitzel aufgefangen.

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  9. Lars Strojny states:
    published on May 12th 2007, 04:03:34 pm *

    Das Problem ist doch, dass man unfreie Presse, Spitzelwesen, etc. pp. zur externalisierten, undemokratischen Erscheinung erhebt. Dabei gehört es zur Demokratie wie der Teufel zum Weihwasser.

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  10. Fabian states:
    published on May 10th 2007, 06:32:30 pm *

    da hab ich doch noch was für euch:
    http://www.dataloo.de/stasi-20-shirt-540.html

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  11. Lars Strojny opines:
    published on May 12th 2007, 04:00:24 pm *

    Du hast den Eintrag nicht gelesen, oder? ;-)

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