Was schrieben die notorischen Schlaumeier dieser Republik noch für Elogen auf ihr Vaterland während der Fußball-WM: Traktate mit den Überschriften »Deutschland einig Fußballland«, »Klinsis Jungs machen uns stolz«, »Schwarz-rot-geil«. Jenseits grammatikalischer Schwächen gab es also so etwas wie die positive Liebe zu ihrem Land, gestiftet aus dem Erfolg der jungen Herrenfußballnationalmannschaft.
Solange sie gewannen, blieben auch alle friedlich und lieb so wie die Deutschen immer lieb und friedlich bleiben, solange sie gewinnen. Kurz zuvor hatte Vorzeige-Patriot Matussek schon einmal gezeigt, was er denen zudenkt, die seine nationale Scheiße nicht mitmachen wollen und die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land schien für die Deutschen so etwas zu sein, wie der Startschuss für ein neues 54, ein neues »Wir sind wieder wer«. Das »Wir sind wieder wer«-Gefühl für den Exportweltmeister, für den Rüstungsexporteur, für die Domaninanz-Macht innerhalb der EU, für Kerneuropa, für Verteidigung am Hindukusch. Da gesellte sich ideell also jener Part hinzu, der sich materiell längst gezeitigt hatte.
Noch ein wenig zurück: am 16. September 2003 rollten einige schwarze Limousinen ins Ludwigsburger Schloss und ein greiser, tatteriger Mann erhielt den Ehrenempfang der Stadt Ludwigsburg. Der Nationalsozialist Filbinger feierte seinen 90. Geburtstag. Ebendieser ist nun vor einigen Tagen verstorben und alle Welt ist nun erschrocken ob der dreisten Umdeutung der Geschichte seitens des Filbinger-Zöglings Oettinger. Dabei verkündet Oettinger nichts weiter als die offzielle Linie der Baden-Württembergischen CDU, für die Filbinger nicht nur als rehabilitiert gilt, sondern zugleich auch Opfer einer Hetzkampagne ist. Der Täter also unschuldig und nicht nur unschuldig, sondern zugleich noch Opfer einer sinistren Verschwörung schlechter Menschen, die ihm an den Karren fahren wollten. Aus solch einer Weltsicht spricht vor allem die Ignoranz eines greisen Mannes, der noch immer nicht versteht, dass schon immer unrecht war, was er einmal für recht hielt. Soweit so gut.
Die öffentlich inszenierte Aufregung über die – zweifelsohne skandalöse – Rede von Oettinger ist verlogen: in deutschen Parteien werden Geschichtsfälscher solange toleriert, bis sie offen aussprechen was sie denken. Als sei das Studienzentrum Weikersheim, die eindeutigen Stellungnahmen auf hans-filbinger.de und seine politischen Würden bis ins hohe Alter nicht genug Indiz für seine weitere Involviertheit in politische Belange und zugleich seine verborte Sicht. Nun also den Entrüsteten zu spielen, entspricht wohl dem Druck der Inszenierung von Politik, nicht aber der Faktenlage.
Ebenso dumm ist das Aufwiegen von gutem Patriotismus und böser Geschichtsklitterung. Die große Erzählung, der Mythos und am Ende die schlichte Lüge gehört zum Patriotismus wie das Wasser zum Meer. Jener softe und flippige Patriotismus muss am Ende immer sich seine Vergangenheit zurecht biegen, wie es ihm passt. Und sei es nur mit dem dummen Satz, es müsse doch endlich einmal Schluss sein. Oettinger flankiert also nur die Normalisierung des Verhältnisses zu Deutschland, sein Ziel ist Versöhnung mit dem guten Volk. Dort rennt er offene Türen ein, will doch dieses Volk nichts mehr »von damals« hören. Dem Gegner solcher Normalisierung und das ist in diesem Falle der Zentralrat der Juden, wird dann schon mal unterschwellig gedroht. Georg Brunnhuber, Baden-Württembergs CDU-Landesgruppenchef im Bundestag, sagte: »Überbordende Kritik des Zentralrats führt eher dazu, dass die Leute sagen, Oettinger hat Recht«. Mit dem Antisemitismus der Deutschen den Zentralrat unter Druck zu setzen ist schlichtweg infam.
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