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Modern life is, ähm, rubbish too 2

Die moderne Welt ist komplex. Früher, also ganz früher, also deutlich bevor ich geboren wurde, ging man auf einen Markt und tauschte ein Huhn gegen einen Sack Getreide. Man tauschte also primitive Güter, gewonnen meist aus primitiver Landwirtschaft. Irgendwann wurde das zu umständlich und man besann sich auf Äquivalente.

Zwischendrin waren Muscheln mal durchaus en vogue, aber nach und nach setze sich ein Äquivalent durch, das unserem heuten Kleingeld glich: die einfache Münze. Mit dem Beginn der Warenform mit der industriellen Revolution nannte man diese Äquivalente erstmals Geld und man drückte in ihnen den Preis einer Ware aus. Mit der industriellen Revolution folgte aber auch, dass andere gesellschaftliche Zustandsformen als überholt anzusehen waren. Kleinstaaterei, denn das Kapital braucht Entfaltungsraum und keine Zölle und ähnliche Handelsbarrieren, Willkürherrschaft, denn der Untertan soll nicht verhungern, sondern arbeiten, fehlende Staatlichkeit, denn Eigentum benötigt einen Agenten, der es durchsetzt, mangelnde Bildung, denn fortschreitende Technisierung stellt höhere Ansprüche an die Arbeitenden, die Abwesenheit von abstrakter Zeit, denn keine Stechuhr ohne abstrahierter, also vom individuellen Erleben der Zeit entkoppelter, Festschreibung. Seitdem gibt es allgemeine Bürgerrechte, die die Subjektform »Staatsbürger« regulieren, seitdem gibt es auch ein allgemeines Bildungswesen, seitdem gibt und gab es Bewegungen zur Herstellung einer nationalen Einheit. Hier wird deutlich, dass diese historischen Bewegungen nie ohne den Rekurs auf das Bestehende auskamen: eine nationale Einheit benötigt die Vorstellung von einem Kollektiv, einem Volk, das durch übersinnliche Bande verbunden ist. Keine nationale Ideologie heftete sich daran, dass das Kollektiv sich als reines Kollektiv marodierender Kapitalmonade sah, nein, man bezog sich ausschließlich auf ein nationales Kollektiv. Oder kann mir mal jemand erklären, was jemand in Hamburg mit jemandem am Bodensee gemein hat, außer der Staatsbürgerschaft? Hier liegt die Crux der Moderne begraben. Nicht nur, dass sie sich nie gänzlich von dem befreite, was sie selbst als überkommen ansah, nein, es ist in ihr selbst nicht angelegt, das zu tun. Vielmehr ist sie genau jener Status, der den Menschen zwar vom bekloppten Wahnsinn der Gottesfürchtigkeit befreite, diesen Gott aber immer wieder ausgräbt, wenn der Staatsbürger sich ein klein wenig einsam fühlt. Beispielsweise weil er gerade mal wieder nicht genug zu essen hat. Natürlich bleiben solche tiefschürfenden gesellschaftlichen Umwälzungen wie die industrielle Revolution nicht ohne Widerstand. Ganz zu Beginn der Aufstand der Weber, die lieber zuhause arbeiten wollten, anstatt sich in Fabriken zusammenpferchen zu lassen, der Beginn der europäischen Arbeiterbewegung, die einen fundamentalen Interessenskonflikt zwischen dem Kapital und der Vernutzung der Arbeit auszumachen glaubten, verschiedene kommunistische Regimes, die im Grunde nichts anderes betrieben als nachholende Akkumulation, also ihr kapitalistisches Wettrüsten eben Sozialismus oder – sogar – Kommunismus nannten und dabei – der Diktatur des Proleten sei dank – gleich noch ein Stückchen weniger rücksichtsvoll ihr Menschenmaterial vernutzen konnten als der diabolische Westen, der deutsche Nationalsozialismus, der gleich mit der ganzen modernen Welt und ihren Errungenschaften inklusive derer, die ihre Wahnideologie als Übeltäter der ganzen Verschwörung ausgemacht hatten, den Garaus machen wollte. Und es gibt und gab immer wieder jene, denen die gesellschaftlichen Umstände soweit den Verstand verdunkelten, dass sie im Finale Furioso, gleich möglichst viele mit in den Tot reißen wollten. Dazu gehören Selbstmordattentate oder die Anschläge des 11. September ebenso dazu, wie der Amoklauf dieser bedauerlichen Existenz, einige hundert Kilometer entfernt von hier. Ihnen allen ist gemein, dass sie der für sie übermächtig erscheinenden Welt, die in ihrer Fantasie nichts weiter ist, als eine bösartige Manifestation gegen sie selbst, nichts weiter entgegen zu setzen haben, als ihre vollkommene Selbstaufgabe, ihre vollkommene Objektivierung. Nur mit Computerspielen, meine Damen und Herren, hat das reichlich wenig zu tun. Vielmehr gibt es das schöne Wort von der Selbstinszenierung des politischen Personals in Zeiten des Schwundes seiner Wichtigkeit. Wo das ideelle Gesamtkapital seine Interessenskonflikte längst zivil zu lösen weiß und nur ab und an die Bösewichter der Staatengemeinschaft zu zähmen genötigt ist, verliert der nationale Poltiker immer mehr an Aufmerksamkeit. Für das Ego ist das schlecht, weshalb er folgende Themen liebt: Kampfhunde, Kinderschänder, Amokläufer, Neonazis. Die Reihenfolge ist beliebig. Wenn das Halbverstandene wirklich der Todfeind der Bildung ist, dann ist es äußerst unwahrscheinlich, dass jemand aus der Riege des politischen Personals »das mit dem Computer« jemals ernsthaft verstehen wird.

P.S.: Ich blogge gerade ja gerne über Musik. Das Album, dem der Titel entliehen wurde, ist großartig. Blur – Modern Life Is Rubbish.

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Comments

  1. mawa states:
    published on November 22nd 2006, 01:54:38 pm *

    Meine Gesellschaft ist hin
    Meine Gesellschaft ist schwer
    Ich finde sie nimmer und nimmer mehr

    ...

    Meine Gesellschaft drängt
    Sich nach ihm hin
    Ach dürft ich fassen
    Und halten ihn

    Und küssen ihn
    So wie ich wollt
    An seiner Gesellschaft
    Vergehen sollt!

    (Hans Weigel)

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  2. /dev/null returns:
    published on November 23rd 2006, 10:29:17 pm *

    Parklife ist besser. ;)

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