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Psychose als Grundwortschatz 0

Wenn man die Größe des irrationalen Potenzials einer Gesellschaft bemessen möchte, so reicht es nicht aus, die Menge an Kirchengängern, Esoterik-Junkies und Verschwörungstheoretikern zu quantifizieren, vielmehr ist die Grundkonfiguration einer Gesellschaft, ihre Basisideologie, ins Auge zu fassen. Ist die normativ bürgerliche Ideologie vor allem eine Lobpreisung der Fetischformen Vernunft, Subjekt und Wert, so lässt das Wort vom Fetisch hier schon anklingen, dass auch allein ihren Grundprinzipien schon Irrationales anhaftet.

Was mit dem Begriffspaar der doppelten Verzauberung versucht wird darzustellen, ist die Verselbstständigung des Werts und seiner Verwertung und die gleichzeitige Begriffslosigkeit der ihm unterworfenen Subjekte über ihn. Also die vollständige Unwissenheit der Subjekte über ihre zweite Natur, ihr gesellschaftliches Formprinzip, dass sie in sich und durch sich tragen und reproduzieren. Nun fügt sich dieser Verirrung eine dritte Mystifikation an: die gefühlsmäßige Vereinfachung und zugleich Verlagerung der Übermacht der sich apersonal vermittelden Formensprache und die Konstitution des »fremd« und »eigen«, als Ausdruck des Subjekt-Objekt-Verhältnisses. Dabei ist das, was »fremd« ist, keine bestimmte Kategorie und ihr Inhalt kein unveränderlicher. Von Zeit zu Zeit wandelt sich ihr Inhalt. Dabei ist die Erinnerung des Subjekts an sein Basiswissen, also vorrangig »eigen« und nicht »fremd« zu sein, nicht zu verwechseln mit der mentalen Verschiebung des Unverstandenen, vorrangig der Zirkulationssphäre. Vielmehr ist sie jener dumpfe Ausdruck der Unwissenheit über die zweite Natur, die sich gegen das virtuelle Unten sträubt und seine Gehässigkeiten für das eigene Leiden verantwortlich zeichnet.


Pack schlägt sich

Gehört das merkwürdige Wissen um die Andersartigkeit der anderen Kultur zum Grundwortschaft des bürgerlichen Psychokosmos’, so gehört der Hass auf den Westen zum Selbstverständnis des Islamisten, der seit dem Niedergang des Ostblocks und dem gleichzeitigen Zerfall der sich als sozialistisch definierenden Akkumulationsregimes im arabischen Raum jede weltliche Bindung zugunsten dem bloßen Ressentiment aufgab. Aus dem bösen Imperialisten wurde der hakenbenaste Jude. Praktischerweise fiel die Umstellung nicht allzu schwer. Das eine war im anderen bereits angelegt.
Dabei sitzen beide Parteien der gleichen Verschwörungstheorie mit unterschiedlichen Vorzeichen auf: das jeweils »andere« ist ein monolithischer Block, einmal Ölaugen-Horde, einmal Arschfickparty. Trotz der unübersehbaren ideologischen Gemeinsamkeiten, sind auch wichtige Unterschiede zu benennen. So ist zweifelsohne die Projektion der Islamisten, der Westen sei ein verwöhntes Paradies, mit Frauen- und Homorechten, ausschweifendem Hedonismus und popkultureller Glückseligkeit, die hasserfülltere. Den Gegner für seine Möglichkeiten zu hassen, ermöglicht erst die Selbstopferung für das Kollektiv. Hingegen ist die Vorstellung der Apologeten der demokratischen Bombergemeinschaft vom »arabischen Hinterwäldler« nur dumpf und rassistisch. Der als Araber indentifizierte muss schon allein aufgrund seine Aussehens ein furchtbarer Finsterling sein. Aber schon hier treffen sich dei beiden Aggregatszustände der Verschwörungstheorie: ist für den Islamisten die Triebäußerung westlicher Gesellschaften der Feind, so ist für den Europäer die verstockte Sublimation Ausdruck fehlender zivilisatorischer Kultur.
Entscheidend ist aber, dass der Islamismus gerade nicht für seine ungebremste Feindschaft gegen Frauen gehasst würde, für seine Verbrechen gegen Homosexuelle, für seine barbarische Rechtssprechung, nein, für Bedrohung der westlichen Sicherheit. Aber hier beginnt das Bild des Westens als Block zu bröseln: während der amerikanische Präsident, trotz religiösem Wahn, regelmäßig vom Kampf um die Freiheit redet, was ihn wenigstens noch zum bürgerlichen Idealisten adelt, so hat sich das Gros der Staaten Europas auf Appeasement gegen die Bedrohung festgelegt: während in den USA via Flugzeug islamische Gotteskrieger erfolgreich den Massenmord erledigen, fragten sich die Halb-Intellektuellen in deutschen Gazetten, ob man nicht mal innehalten solle und sich fragen müsse, warum man eigentlich so gehasst würde. Geht es aber gegen die Schöpfer disfunktionaler Amateur-Kofferbomben in deutschen Zügen, so wittert jeder zweit-, dritt- und viertklassige Nachwuchspolitiker seine Chance: in Zeiten, in denen der Politikbetrieb immer unwichtiger wird, sucht er sich selbst Beschäftigung. Kampfhunde, Kinderschänder, Terroristen, Nazis oder – eben Araber mit dunklen Augen .


Pack verträgt sich

Dass hochrangige Vertreter jenes ominösen Westens auch anders können, sollte seit Popetown bekannt sein. Kaum beschloss MTV die Serie ins Programm zu nehmen, so kam ein Sturm der Entrüstung auf: da werde auf religiösen Gefühlen herumgetrampelt, so beschwerten sich Pfaffen und zeigten – wen das noch wundert, der sollte unbedingt noch einmal mit Feuerbach beginnen – mit dem Finger auf die Riots nach den dänischen Amateur-Karikaturen und erfuhren unmittelbar die Unterstützung von der islamischen Konkurrenz. Der Unterschied zwischen Aufklärung und der Abwesenheit dieses historischen Prozesses zeigt sich aber darin, dass dänische Botschaften stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, die MTV-Zentrale allerdings noch steht. Der Wunsch, den Hass auf »die Anderen« auch in die Tat umzusetzen, hält sich im Westen bisher noch in Grenzen, sublimieren ihn häufig genug noch die offiziellen Politiken. Bei zunehmender Menge derer, bei denen Paranoia die zentrale Komponente ihrer Persönlichkeitsstruktur ist, wird das aber nicht lange so bleiben.
Kritik an der »Hooliganisierung der Welt« (Lohoff) hat es bei der momentaten Massenhysterie nicht unbedingt leichter. Ihre sowieso schon geringe Einschaltquote wird weiter augedünnt durch jene lauten Marktschreier, die ihre barbarischen Konzepte immer lautstarker anpreisen und – leider auch – immer häufiger verkaufen.

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