Beides hatte ich zuvor gegenteilig gemutmaßt und bin nun vor allem überrascht, wie weitgehend der tumbe Nationalismus dem popkulturellen »neuen Deutschland« gewichen ist. Das generelle Einschwenken auf die Mischung aus rot-grüner Geschichtsmetaphysik, nach der Deutschland vor allem deswegen so großartig ist, weil es seine Vergangenheit bewältigt und eine stabile Demokratie besitzt und dem Stolz auf deutsche Wertarbeit, Sekundärtugenden und – weil dieses Volk ja sonst nichts hat – auf seine Fräuleinwunder. Seien’s diesmal Fußballer. Aggressivster Vertreter ist der von der Konkret als »weniger Intellektuelle« vollkommen zutreffend charakterisierte Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek mit seiner Hetzschrift »Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können«, der auch gerne mal Neoliberale ohrfeigt, wenn sie ihm erklären, dass sich die Ökonomie einen feuchten Kehricht um Nationalstaaten schere, solange sie das tun, wozu sie existieren. Neoliberale und Kommunisten haben kein Vaterland – das ist aber schon der einzig schlaue Einfall der Ersteren.
Die Mischung aus defensivem Verweis auf Errungenschafen, die zwar jeweils von »fremden Mächten« und von oben durchzusetzen waren – aber man will ja nicht so kleinlich sein, und aggressivem Gerede von deutschen Tugenden macht den heutigen Diskurs um’s »bessere Deutschland« so wunderbar verallgemeinerbar. Der verdrückte Nationalist, der vor lauter Neid erblasste, wenn sich ein US-Amerikaner seiner Flagge nicht schämte, kommt heute genauso zum Zuge um seinem Land seine Liebe zu gestehen, wie auch der Migrant, der antritt zu beweisen, dass er über einen ebenso großen Mangel an Intelligenz verfügt, wie er es von seinen deutschen Nachbarn gewöhnt ist oder eben die deutsche Gymnasiastin, die lang ersehnt zu dem zurückkehrt, was sie für normal hält. Wenn sie nun ihrem Lehrer, den ihre männlichen Mitschüler unter ihrer heimlichen Zustimmung schon immer als »Judensau« beschimpften, noch abgewöhnt, dass er »immer mit der Vergangenheit kommt«, so ist auch ihre Reise ins neue Deutschland abgeschlossen. Oder sie muss es ihm nicht einmal abgewöhnen, denn als deutscher Studierter und historisch Gebildeter war er schon immer gegen »einseitige Schuldzuschreibungen« und dergleichen.
Das neue Deutschland ist ein Euphemismus seiner selbst. Sind die deutschen Farben schon heute als schicke Grundfarben für die Damenhandtasche zu bekommen, so ist nun das Land wieder dort wo es fast schon zwanghaft verbannt war: aus den Köpfen der Normalbevölkerung. Wenn man mit Feuerbach die Religion von ihrer Gesellschaft ableitet und nicht anders herum, wie es heute bei vielen Islamwissenschaftlern, Koran-Experten und dissidenten Kirchenkritikern der Fall ist, so bleibt die Analyse des Nationalismus eine Analyse einer tiefen Neurose, die zur Grundkonfiguration des bürgerlichen Subjekts gehört. Findet sich im Materiellen keine Befriedigung, so bleibt die Flucht ins dumpfe »Wir«. Da diese Flucht neben ihres eigenen Schreckens zugleich die Aufgabe des Bedürfnisses nach materiellen Reichtümern ist, bleibt sie strukturell dem schlichten Glauben an Übersinnliches gleich. Gemeinschaft, nicht Individualität, ist das Stilbildende der Neu-Deutschen. Und hier sind sie ihren prominenten Vorläufern wieder ähnlich. Die Persönlichkeitsstruktur des blinden Fans gleicht der des Teilnehmers am Pogrom: das Verschmelzen mit der Masse, das Aufgehen im Kollektiv, die libidinöse Lust an der Gemeinsamkeit. Alles vollkommen erhaben über jeden Verdacht – versteht sich von selbst, oder?
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