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Erziehung – wozu? 7

Mein Verhältnis zur Erziehung hat sich über die Jahre bizarr gewandelt. War ich in meiner Jugendzeit, sofern ich sie für abgeschlossen halte, erklärter Gegner jeder Erziehungspraxis, auch jener, die sich antiautoritär nennt, so ist mir an diesem Punkt heute die Gesinnungsethik fremd. Meine Gedanken und Betrachtungen fanden lange Zeit exterritorial zur Kritischen Theorie statt, da sie mir zwar Handwerkszeug aber wenig konkrete Theorie bot. Von wenigen Einwürfen in »Minima Moralia« oder »Die Dialektik der Aufklärung«, dem populären Aufsatz »Erziehung nach Auschwitz« und einigen Betrachtungen Walter Benjamins einmal abgesehen. Umso schöner, dass es mir nun vergönnt ist, hier Betrachtungen zu verbinden, die bisher haltlos waren. Der Abschluss der Lektüre der Vortrags- und Interview-Sammlung »Erziehung zur Mündigkeit«, die zugleich auch den vorläufigen Endpunkt meines jahrelangen Ringens mit dem adorno’schen Werk setzt, ermöglicht dies. Nicht nur der mir wohlbekannte Aufsatz »Erziehung nach Auschwitz«, dessen erneute Rezeption ich diesmal unterließ, ist dort veröffentlicht, sondern auch »Was bdeutet: Aufarbeitung der Vergangengheit«, »Philosophie und Lehrer«, »Fernsehen und Bildung«, »Tabus über dem Lehrberuf«, »Erziehung zur Mündigkeit«, »Erziehung – wozu?« und »Erziehung zur Entbarbarisierung«. Die beiden letzten sind erstaunlich deckungsgleich mit meinen bisherigen Überlegungen. Die grundsätzlichen Paradigmen wären so zu zeichnen: Erziehung hat den Zweck der Mündigmachung; nur mündige Erwachsene können dies leisten; Erziehung gilt der Entbarbarisierung und Zivilisierung und hat – wie jede Handlung – darum Sorge zu tragen, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Einige wichtige Aussagen zu den unterschiedlichen Themengebieten seien hier kurz angemerkt.

Lehrer und Gerechtigkeit:


»Sie (die Lehrer, Anm. d. A.) dürfen ihre Affekte nicht unterdrücken und dann rationalisiert doch herauslassen, sondern müßten die Affekte sich selbst und anderen zugestehen und dadurch die Schüler entwaffnen. Wahrscheinlich ist ein Lehrer überzeugender, der sagt: ›Jawohl, ich bin ungerecht, ich bin genauso ein Mensch wie ihr, manches gefällt mir und manches nicht‹, als einer, der ideologisch streng auf Gerechtigkeit hält, dann aber unvermeidlich verdrückte Ungerechtigkeit begeht.«
»Tabus über dem Lehrberuf«, Vortrag im Institut für Bildungsforschung Berlin, 21. Mai 1965

Zur Problematik des Mündigkeitsbegriffs:


»Ich denke vor allem an zwei schwierige Probleme, die man nicht übersehen darf, wenn es um die Mündigkeit geht. Zunächst, daß die Einrichtung der Welt, in der wir leben, und die herrschende Ideologie – die ja heute schon kaum mehr eine bestimmte Weltanschauung oder Theorie ist –, daß also die Einrichtung der Welt selbst unmittelbar zu ihrer eigenen Ideologie geworden ist. Sie übt einen so ungeheuren Druck auf die Menschen aus, daß er alle Erziehung überwiegt. Es wäre wirklich idealistisch im ideologischen Sinn, wollte man den Begriff der Mündigkeit verfechten, ohne daß man die unermeßliche Last der Verdunklung des Bewußtseins durch das Bestehehnde mitaufnimmt.«
»Erziehung – wozu?«, Theodor W. Adorno im Hessischen Rundfunk, 26. September 1966

Wettbewerb?

»Ich bin völlig der Ansicht, daß der Wettbewerb ein im Grunde einer humanen Erziehung entgegengesetzes Prinzip ist. Ich glaube im übrigen auch, daß ein Unterricht, der sich in humanen Formen abspielt, keineswegs darauf hinausläuft, den Wettbewerbsinstinkt zu kräftigen. Damit kann man allenfalls Sportler erziehen, aber keine entbarbarisierten Menschen.«

»Erziehung zur Entbarbarisierung«, Theodor W. Adorno im Hessischen Rundfunk, 14. April 1968

Physische Gewalt:


»...ich möchte, daß die Menschen durch das Erziehungssystem zunächst einmal alle mit dem Abscheu vor der physischen Gewalt durchtränkt werden.«

Ebenda

Dialektik der Autorität:

»Gewisse Autoritätserscheinungen, die in dem Augenblick, wo sie nicht mehr blind, nicht mehr ihrerseits aus dem Gewaltprinzip folgen, sondern bewußt sind, und vor allem: wo sie ein Moment der Durchsichtigkeit auch für das Kind selbst haben, eine andere Bedeutung einnehmen; wenn die Eltern dem Kind eine ›eine auf die Pfoten hauen‹, weil es einer die Fliege die Flügel ausreißt, so ist das ein Moment von Autorität, das zur Entbarbarisierung beiträgt.«
Ebenda

Filed on 07-06-2006, 17:05 under , , , , & seven comments & no trackbacks

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Comments

  1. Thomas Matterne states:
    published on June 10th 2006, 03:17:03 pm *

    Ich denke in vielen (praktischen) Erziehungsratgebern der Gegenwart hätte Adorno wohl nicht mehr allzu viel Platz – teilweise auch völlig zurecht. Das Ziel der Entbarbarisierung mag ehren sein, aber es ist nicht durchsetzbar und wenn doch, dann wäre es auch nicht gerade eine positive Entwicklung. Der Versuch eine Abscheu gegen jegliche physische Gewalt mag ein gutes Ziel sein(im Übrigen sollte heute auch psychische Gewalt dabei betrachtet werden), aber den Wettbewerb aus der Erziehung herauszunehmen ist meiner Ansicht nach ein Fehler. Sicher sollte nicht schon in der Kindergrippe der Leistungsdruck beginnen und gerade in prägenden Jahren muss hier sorgfälltig vorgegangen werden, aber ein nicht statt findender Wettbewerb bedeutet Stillstand. Und Stillstand ist der Tod jeder Gesellschaft.

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  2. Lars Strojny supposes:
    published on June 10th 2006, 04:09:34 pm *

    Ja, nun. Sein Ziel war auch nie, einen praktischen Erziehungsratgeber zu verfassen. Jenseits dessen, dass viele der Erziehungsratgeber nur Verhaltenstherapie im Imperativ für Eltern beinhalten und somit sowieso schon durchaus unsinnig sind, hätte ich noch eine Frage. Was ist denn die Erläuterung für die Setzung »Fehlender Wettbewerb bedeutet Stillstand«. Mein Verdacht: es handelt sich um Ideologie, genauer: liberale Ideologie.

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  3. Thomas Matterne responses:
    published on June 10th 2006, 08:16:11 pm *

    Der Verdacht ist gar nicht so falsch, aber ich bitte darum nicht in die Ecke des Manchester-Kapitalismus/Liberalismus abgeschoben zu werden. Was ich meinte war weniger ökonomisch gemeint. Nehmen wir die Forschung, würde sie tatsächlich funktionieren ohne Konkurrenz z.B. an anderen Unis? Wenn ich Wettbewerb meinte, dann keine Ellbogengesellschaft bei der Unterlegene auf der Strecke bleiben.

    Was Adornos Nicht-Ziel angeht, bestätigt das eigentlich nur meine Vorurteile über ihn. Keiner verstand es so gut wie er einfache Sachverhalte philosophisch zu codieren und trotz aller klugen und wichtigen Inhalte doch oft einfach an der Praxis vorbei zu schreiben. Auf der anderen Seite sind solche "Erziehungsratgeber" in Zeiten in denen wir unsere Kinder nach Ratschlägen der RTL-Super Nanny erziehen gar nicht so falsch.

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  4. Lars Strojny supposes:
    published on June 10th 2006, 08:53:57 pm *

    Wobei doch jene Ratgeber, von denen ich aufgrund erweiterter Beschäftigung mit Erziehungstheorie mir einiges reinzog, genau die Basis auf dem »Super Nanny« und Co. aufbauen. Es geht nicht mehr um den Zweck von Erziehung, sondern um die Verschärfung der Einschreibung des Subjekts auf seinen Status.

    Dass Adorno »an der Praxis vorbei schreibt« ehrt ihn und macht ihn interessant. Es war selten sein Anspruch, sich einer wie auch immer gearteten Praxis nutzbar zu machen. Die Praxis ergäbe sich aus der Vervollständigung der Kritik – eine der Grundprämissen der Kritischen Theorie. Dass er Sachverhalte philosophisch kodieren würde, ist mir bis auf kurze Stellen in »Dialektik der Aufklärung« nicht aufgefallen, Beispiele hierfür interessieren mich aber durchaus.

    Zur Forschung und liberalem Unfug: ersteinmal ergibt sich der Grund einer Forschung aus dem »Wissen wollen«. Das Motiv der Konkurrenz ergibt sich aus der Gemängelage der ökonomischen Form. Diese als »gesetzt« vorrauszusetzen, würde meines Erachtens jeden sinnvollen Diskurs verhindern.
    Wie in konkurrierenden Verhältnissen sich der Ellenbogen als normatives Durchsetzungselement nicht eingesetzt werden soll, muss mir auch noch erklärt werden.

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  5. Thomas Matterne means:
    published on June 10th 2006, 09:33:32 pm *

    Über Adorno werden wir uns nicht einig werden, dass sehe ich jetzt schon. Ich bin eben ein Anhänger der Theorie, dass Philosophie nicht bei einem Kaminfeuer mit einem Gläschen Wein unter studierten Philosophen statt finden sollte, sondern in dem, was man so schön als echtes Leben bezeichnet. Dir jetzt Beispiele für den übersetzungbedürftigen Adorno zu liefern wäre reine Zeitverschwendung, denn du würdest diese Passagen verstehen – davon gehe ich aus. Sätze wie "Dass Adorno »an der Praxis vorbei schreibt« ehrt ihn und macht ihn interessant." lassen mich aber zweifeln mit dieser Einstellung deine Zustimmung zu bekommen. Ich bin nun einmal der Meinung, "wer an der Praxis vorbei schreibt", schreibt für das stille Kämmerlein. Dabei mag viel Wahres entstehen, aber niemand hört es und deshalb nützt es auch niemanden. Das gerade Adorno dafür ein Beispiel ist, zeigt sein Verhalten während der 68er. Er war Hauptbestandteil des geistigen Fundaments der 68er, er – die gesamte Frankfurter Schule – sympathisierte mit der Bewegung, aber als die 68er ernst machten, nicht nur diskutierten, sondern handelten – wo war dort Adorno, er trank ein Gläschen Wein am Kamin. (Ich weiß, dass ist ein wenig polemisiert und Adorno hat sich diese Zeit sehr wohl nicht leicht gemacht.)

    Auch in Sachen "liberalen Unfug" werden wir uns nicht einig werden. Denn dieser Unfug beherrscht nun einmal die Welt. Im Großen – der Wirtschaft als Paradebeispiel – und im Kleinen – z.B. zwischen Geschwistern, eine ganz natürliche Reaktion. Der Wettkampf ist tief in uns verwurzelt, er steckt in unserem Gehirn und selbst wenn er sich immer kontrollieren liese, wäre eine breite Bevölkerungsschicht nicht Willens es zu tun. Und auch Erziehung dazu, hat nur eine beschränkte Macht das menschliche Verhalten zu ändern. Mir wäre es auch lieber, wenn es nicht so wäre.

    Ich habe mir deine "Über mich"-Seite einmal angesehen und bin wirklich beeindruckt. (Würde ich mir Neid nicht verbieten, wäre ich wohl auch neidisch.) Aber trotz der IT-Erfahrung klingt mir das alles ein wenig nach Elfenbeinturm. (Was im Übrigen ansonsten auch ein Vorwurf ist, den ich immer wieder zu hören bekomme.)

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  6. Lars Strojny returns:
    published on June 10th 2006, 11:57:09 pm *

    Zum »liberalen Unfug« der die Welt beherrscht fände ich es schon noch interessant weiter zu diskutieren. Ich wäre der letzte, der das bestreiten würde. Die Frage ist, ob man sich an eine Ideologieanalyse wagt.

    Zu Adorno und Praxis: das mit dem Elfenbeinturm ist so eine Sache. Als Kommunist will man ja nicht, dass Elfenbeintürme abgeschafft werden, sondern dass jeder einen haben kann, um es einmal auf die Frage des Eigentums zu pointieren. Die Frage ist aber schon etwas weiter: taugt Alltagssprache mit all ihren Affekten dazu, Aufklärung zu verbreiten.

    Und nein, meine Biographie ist nun wirklich nicht beneidenswert. Wenn überhaupt, dann geschickt geschrieben. Was glaubst du bspw. warum man die Durchschnittsnote eines Abschlusses nicht erwähnt ;-)

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  7. Thomas Matterne replys:
    published on June 11th 2006, 11:20:24 am *

    Mit Ideologieanalysen ist das so eine Sache, das Ergebnis ist nämlich schon vorbestimmt. Keine Ideologie würde dort standhalten. In der Theorie sind alle Gesellschaftsformen gut, ob jetzt Kommunismus oder Adam Smith in Reinkultur. Theoretisch funktionieren sie alle, praktisch – also in der Umsetzung – gehen sie alle schief.

    Was Philosophie in der Altagssprache angeht, ketzerisch gefragt, warum nicht? Nur weil dann der wissenschaftliche Habitus wegfallen würde und der Doktor der Philosophie dann sein Jahre langes Studium vor seinem Gemüsehändler nicht mehr rechtfertigen könnte, nur weil er sich so ausdrückt wie sein Gegenüber? Weniger ketzerisch gesagt, hat der Sprachgebrauch auch durchaus seinen Sinn. Vor allem weil er sich eingebürgert hat und unter Philosophen ja verstanden wird. Dagegen ist im Grunde auch nichts einzuwenden, jeder Berufsgruppe hat im Grunde ja auch ihre eigene Sprache entwickelt. Wenn ich z.B. mit meinen Eltern über Computer reden würde, würden sie mich nur mit einem Wörterbuch verstehen. Wenn mir ein Automechaniker die Funktion eines Motors erklären würde, könnte ich ihn wahrscheinlich auch nicht wirklich verstehen. Wichtig ist, dass an irgendeiner Stelle ein Übersetzer steht, der dafür sorgt, dass die Erkenntnis auch die Philosophenzirkel verlässt. Eine Funktion, die wir uns sparen könnten …

    Und was den Lebenslauf angeht, dann bist du eben ein Meister im Blenden. Ich arbeite gerade auch an meinem Lebenslauf zwecks Bewerbungen nach dem Studium, vielleicht sollte ich mir ein bisschen was abschauen. ;-)

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