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Unleidlich 5

Sie erzählen sich ihre Späßchen, vorzugsweise Witze über einen amerikanischen Präsidenten, der von ihnen meist für mäßig intelligent gehalten wird. Für Argumente sind sie unzugänglich, denn ihre Fachwissen beziehen sie aus Werken, die über jede Faktenlage erhaben sind. Es handelt sich meist um jene Gemüter, die vor allem wissen, wer wen wieder bestochen hat und ihr furchtbarster Wesenszug ist ihre Vorliebe für investigativen Journalismus, der sie darüber aufklärt, was alles falsch läuft und ständig »aufdeckt«, »nachhakt« und »Skandale ins Rollen bringt«. Über den 11. September wissen sie natürlich, dass der Mossad oder wahlweise die US-Regierung höchstselbst dahintersteckt. Zudem, dass Israel eine Besatzungsmacht ist und der Krieg gegen den Irak – so erklären sie echauffiert mit den leuchtenden Augen des brutalstmöglichen Aufklärers – findet nicht aus moralischen Gründen statt. Politiker halten sie für Versager, die nur dumm schwätzen und das Volk betrügen. Aus ihrer Vergangenheit haben sie gelernt, sie empfinden moralische Verantwortung und sie halten, dass was jenseits des großen Teiches läuft, für nicht ganz koscher. Ein weiterer Feind ist die Bürokratie, Massenkultur finden sie ekelig und hören gerne Bob Marley, wegen seiner Ursprünglichkeit. Sie freuen sich am munteren Nebeneinander der Kulturen, finden es ganz furchtbar schlimm, wenn einem Leid geschieht. Deswegen fordern sie die Regulierung der internationalen Finanzmärkte. Wenn sie aufgrund sie umgebender Zustimmung in Leidenschaft geraten, beginnen ihre Sätze mit das muss echt mal gesagt werden oder auch wenn man das nicht sagen darf. Unmoralische Unternehmer, also jene, die auf den Gewinn schauen, halten sie für Volksschädlinge, nennen sie aber lieber Heuschrecken. Sie haben natürlich nichts gegen Ausländer aber zuviele sind es schon. Offensichtliche Symbole gesellschaftlicher Representation empfinden sie als protzig: Hochhäuser, Glasfronten oder auch nur die Villa mit großen Garten. Im Fernsehen läuft zu viel Werbung, überhaupt ist zu viel kommerziell. Kommerziell heißt bei ihnen meist »Amerika«, ein Land, dass in ihnen fast schon libidöse Phantasien weckt und ihre agitatorische Leidenschaft vollends entfesselt. Den Kitsch verachten sie, sie schätzen Sonnenuntergänge. Über den Versuchungen der Zivilisation stehen sie spielend, die alte Hure Babylon ist ihnen nur Objekt des Traums.
Falls jemand vergessen hat, warum es dieses Blog gibt. Und falls ich es vergesse.

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Comments

  1. Christian replys:
    published on April 26th 2006, 09:51:21 pm *

    Schade, ich hatte es nicht vergessen. Mindestens einmal pro Tag kommt dann doch die unsanfte Erinnerung.

    Reply

  2. Classless Kulla supposes:
    published on April 26th 2006, 09:58:04 pm *

    Solange ich dauernd in der Platte arbeiten gehe, werde ich das wohl auch kaum vergessen.

    Reply

  3. Lars Strojny replys:
    published on April 27th 2006, 12:30:08 am *

    Was genau machst du denn?

    Reply

  4. mawa states:
    published on May 14th 2006, 11:15:19 pm *

    "Für Argumente sind sie unzugänglich, denn ihre Fachwissen beziehen sie aus Werken, die über jede Faktenlage erhaben sind."
    Und das von dir!
    Herrlich, herrlich.

    Reply

  5. Lars Strojny responses:
    published on May 15th 2006, 12:13:58 am *

    Nun, du wirst dich erklären müssen.

    Reply

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