/usr/portage

Kritikerkollektiv 20

Diesmal sind die Damen und Herren Blogger also ausnahmsweise nicht Deutschland. Kann man normalerweise von Normalisierung und Geschichtsvergessenheit gar nicht genug haben und freut man sich sonst über jede noch so dämliche Prise Patriotismus, so ist man diesmal partout nicht Deutschland.

Nicht dass sich über Nacht herumgesprochen hätte, dass Nationalstaaten zu überwinden seien und deswegen jede Art Identifikation mit ihnen nichts weiter ist als falsches Bewusstsein mit üblen Nebenwirkungen, nein, man mockierte sich reichlich über die volkstümliche Art der Kampagne, die dem computeraffinen Stubenhocker mit maximal von Aphorismen kredenzter Restbildung nun gar zu ordinär daherkam: »Wenn ich schon Deutschland bin, dann doch nicht so laut und wie beim Musikantenstadl«. Sie waren die Generation des Hochglanznationalismus unter Rot-Grün, die Zeit der Friedensmacht, die Zeit da man unbeschwert auf Deutschland stolz sein konnte und nun versagten sie ihrem geliebten Vaterland den Dienst, weil es den Schein, es sei das Land der Dichter und Denker, nicht wahrte, sondern seine Staatsbürger aufforderte, es bedingungslos zu lieben. Es ihnen also nicht mal mehr einen Deal anbot, wie die reine Freude des guten Gewissens, sondern ihm einfach selbiges versagte

Die Kritik der Kampagne »Du bist Deutschland« war vorrangig eine, die nichts verstand, weil sie nichts verstehen konnte, da die Prämissen und Axiome falsch gewählt waren. Im Habitus des Bildungsbürgerlichen, der sich nichts so sicher ist, wie seiner eigenen Unfähigkeit zu so etwas wie Geist, der in Abwehr gegen die einfache Emotion entwickelten sie keine Kritik an der Konstitution eines Kollektivs und Aufherrschung einer nationalen Identität, vielmehr blieb es eine oberflächliche, weil ausschließlich moralinsaure. Die Werbeindustrie, der man es schon immer mal zeigen wollte (wahrscheinlich weil sie mehr auf Jamba setzt, nicht auf gehobene Haute Couture und Schöner Wohnen), zeigte sich dabei als dünnhäutiger Widerpart. Sie begriff die Funktionsweise der Weblogs viel zu spät und tat damit den kapitalsten Fehler, den man tun kann: Blogger für belanglos halten. Denn nichts schmerzt mehr in Bloggerdeutschland als Vernachlässigung und Verweigerung der obligatorischen Streicheleinheiten. Dazu kam die fehlende Phantasie der Werber, sich vorstellen zu können, dass es ein Medium gibt, dessen klebrige Geilheit auf Sensation ihre eigene noch übersteigt.

Zuletzt musste Jean-Remy von Matt verstehen, was es heißt, die Spießruten der Blogger zu spüren. Nicht dass seinen autoritären Träumereien etwas abzugewinnen ist aber so macht man das nicht. Bei Goethe ist das Maßhalten der Versuch, die Dialektik der Aufklärung durch Moral in sich zu lösen. Dieses Maßhalten ist angebracht, solange sich die Struktur so setzt und wäre im Bezug auf Matt auch sinnig gewesen. Dass das Gros der Blogger ganz furchtbar deutsch ist, bemerkt man an der schreihälsigen Raserei, die sich Bahn bricht, sobald sich ein Thema bietet. Von Matt ist schlichtweg ein zwar erfolgreicher aber gewöhnlicher Werbetreibender, der nur nicht damit gerechnet hat, dass er außer dem Bundesverdienstkreuz auch noch Spott und Häme, denn von Kritik zu sprechen lästert dem Begriff, für seine Kampagne bekäme.
Raufereien im Affenzirkus, ein Streit unter Verrückten, das Gros der Kritik erbärmlich: Schon die meisten Motive der angeblich so gekonnten Satire waren ernüchternd: hier habe sich einer falsch verhalten und dem Kollektiv geschadet (Josef Ackermann), hier ein weiterer »uns« betrogen. Der Betrug am Volk sei kritikwürdig, nicht die Idee des Volks. Anstatt sich mit deutschem Nationalismus auseinanderzusetzen also eine moralische Kritik an jenen, die in ihrer Struktur logisch handelten und handeln.
Profitmaximierung, so banal es klingt, ist nunmal Hauptaufgabe eines Unternehmers. Und wenn ein Unternehmer – wie heute immer mehr üblich – seine Ware Arbeitskraft an sich selbst verkauft, dann eben auch die Maximierung der eigenen Profitrate, denn auch diese fällt tendenziell.

Zu kritisieren wäre gewesen, dass deutscher Nationalismus heute sich heute nicht trotz sondern wegen Auschwitz konstituiert. Mussten sich die Berufspatrioten der politischen Rechten früher bemühen, Auschwitz zu bagatellisieren, nicht zu thematisieren oder gleich ganz zu leugnen so ist seit Beginn der 90er Jahre eine ganz neue Qualität nationaler Liebesbekundungen zu betrachten: Nationalismus wegen Auschwitz. Weil Deutschland seine Vergangenheit so wundervoll auf– und verarbeitet hat, darf man wieder Stolz entwickeln. Die Roman-Herzogisierung des nationalen Irssinns.

Mit jenen, die beim nächsten passenden Moment, sei es evtl. der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft, ein neuer Krieg, den man als Deutsche zu führen oder wahlweise zu verhindern hat, die Flutung national befreiter Zonen (»Jahrhundertflut«) oder anderen Ereignissen bei denen ganz Deutschland einig Wohnzimmer wird und die Volksgemeinschaft sich im Schrebergarten trifft (statt in Stalingrad), will ich nichts zu tun haben. In Streitigkeiten, wie das Deutsche besser gedeihe, mische ich mich nicht ein. Ekeliges Schmunzeln über das Verhungern derjenigen, die im Wertschöpfungsprozess unvernutzbar geworden sind, finde ich ebensowenig unterhaltsam. Die Abgrenzung gegen die Politikberater des nationalen Wahnsinns, auch wenn sie sich mal uneins sind, ist notwendig. Soviel Distinktion muss sein.

Filed on 23-01-2006, 16:04 under , , , , & 20 comments & no trackbacks

Trackbacks

Trackback specific URI for this entry

No Trackbacks

Comments

  1. mawa reckons:
    published on January 26th 2006, 11:06:21 pm *

    Reply

  2. Lars Strojny opines:
    published on January 26th 2006, 11:17:54 pm *

    Reply

  3. mawa reckons:
    published on January 26th 2006, 11:32:31 pm *

    Reply

  4. Lars Strojny opines:
    published on January 26th 2006, 11:40:38 pm *

    Reply

  5. mawa reckons:
    published on January 27th 2006, 11:35:08 pm *

    Reply

  6. Lars Strojny opines:
    published on January 28th 2006, 11:51:32 am *

    Reply

  7. mawa reckons:
    published on January 28th 2006, 08:09:45 pm *

    Reply

  8. Lars Strojny opines:
    published on January 28th 2006, 08:16:26 pm *

    Reply

  9. mawa reckons:
    published on February 1st 2006, 11:20:02 pm *

    Reply

  10. Lars Strojny opines:
    published on January 28th 2006, 04:04:11 pm *

    Reply

  11. mawa reckons:
    published on January 28th 2006, 08:32:17 pm *

    Reply

  12. Lars Strojny opines:
    published on January 28th 2006, 08:53:38 pm *

    Reply

  13. mawa reckons:
    published on February 1st 2006, 11:53:33 pm *

    Reply

  14. Lila means:
    published on February 5th 2006, 12:26:01 am *

    Reply

  15. Lars Strojny opines:
    published on February 5th 2006, 12:44:36 am *

    Reply

  16. Lila means:
    published on February 5th 2006, 12:56:23 am *

    Reply

  17. Lars Strojny opines:
    published on February 5th 2006, 01:01:38 am *

    Reply

  18. Lila means:
    published on February 5th 2006, 01:05:10 am *

    Reply

  19. mawa reckons:
    published on February 6th 2006, 10:03:11 pm *

    Reply

  20. Lars Strojny returns:
    published on February 7th 2006, 08:26:43 am *

    Reply

Add a Comment & let me know what you think