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22C3: Wettbewerb der Plattitüden 11

Ich sollte nicht allzu gehässig sein. Ein bisschen Nachsicht üben. Aber irgendwann ist auch genug. Mein für heute letzter Vortrag war eine unglaubliche Beleidung für Leute, die noch alle beieinander haben.

Wie es ist, wenn man einen Wettbewerb veranstaltet, wer die größte Plattitüde gesellschaft»kritischen« Nonsens’ hervorbringt, zeigte heute der Vortrag »We lost the war«. Angelegt, ein Realitätsabgleich zu sein und die Entwicklungen der letzten fünf Jahre so zu sehen, wie sie sind, vor allem in sicherheitspolitischen Bereich, übten sich die beiden Votragenden in immer wirreren Pseudo-Analysen. Die innovative Dichotomie: »wir« und »die da« (in Votragssprache noch prägnanter: »we« and »they«). Anstatt dass einer der Zuhörer mal die als Axiom gesetze Betrachtungsweise kritisierte, stritt man sich lieber munter darüber, ob nun »die Welt« wirklich »so grau« sei wie die Vortragenden sie zeichneten. Die Faktenlage, die die beiden ausbreiteten, war größtenteils richtig, wenn auch mit einigen absonderlichen Auswüchsen, bei der die Überflüssigkeit Einiger nicht mehr Resultat ihrer Unvernutzbarkeit, sondern einer ominösen »Globalisierung« ist. Nur bei der Erklärung griffen sie vollkommen daneben. Sicherheitspolitische Entwicklungen sind nicht mehr Resultat unterschiedlicher Interessen und Ideologien – diese eigentlich zentralen Begriffe bei Betrachtung eines solchen Themas, fielen über den ganzen Vortrag (soweit ich das mitbekam, ich schlief zwischendrin ein) nicht ein einziges Mal – vielmehr sind sie Produkte böser Menschen mit schlechtem Charakter. Auf den naheliegenden Gedanken, man habe es vielleicht mit einem Strukturproblem zu tun und nicht mit einer Frage des Postenbesetzung kommt nun wirklich niemand. Manche hatten noch den schlauen An– und Einfall, »irgendwie gehörten« doch »alle irgendwie dazu«. Wenigstens ein bisschen richtiger, mehr aber auch nicht.
Ansonsten natürlich auch noch der übliche Unsinn: der »War on Terror« ist gar keiner, sondern nur gegen die braven Bürger und ihre Rechte gerichtet. Der 11. September hat sich völlig anders zugetragen und ist nur vorgeschoben, der Irakkrieg ist auch vollkommen zu verteufeln und so weiter und so weiter und so weiter. Man kennt das ja …
Den bemitleidenswerten Vortragenden ist zu raten, nicht alles über Google zu klären, ab und an hilft ein Buch (ja, so richtig mit Seiten und Druckerschwärze) wirklich weiter. Selbst die platteste MLer Gewissheit würde ausreichen, um mit einem Erklärungsversuch der Realität ein bisschen näher zu kommen: der Kapitalismus im Enstadium, Monopolbildung und brutalere Durchsetzung seiner Struktur. Dazu muss man noch nicht mal Marx gelesen haben. Ab und an seinen kommunistischen Freunden – soweit man welche hat (also Freunde, nicht »kommunistisch«) – zuzuhören reicht da vollkommen.
Aber, um nicht – wie eigentlich sonst immer – völlig bösartig und destruktiv zu sein, hier mal einige Prämissen, die Grundlage einer stichhaltigen Untersuchung des Sachverhalts wären:

  • Politische und ökonomische Entwicklungen sind Resultate von Ideologien und Interessen
  • Interessen und Ideologien sind urständlich an ihre gesellschaftliche Realität gebunden
  • Herrschaft und politische Macht sind nicht personell zu verorten, sondern in der Struktur gegeben
  • Will man das Resultat stichhaltig kritisieren, so kommt man um die Struktur nicht herum

In der Datenschleuder findet sich auch noch ein großartiger Erguss von Frank Rieger. U.a. die These, dass vor dem 11. September die Hacker faktisch die Welt beherrschten. Wirklich faszinierender Unsinn, das.

Filed on 27-12-2005, 23:11 under , , , , , , , , , & eleven comments & two trackbacks

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  1. Trackback from WEBLOG (Hanno's blog)
    posted on December 28th 2005, 11:15:46 pm 22C3 talks: We lost the war, Informational-Cognitive Capitalism, Trusted Computing, Sony rootkit, technological art, cryptographic handcyphers

  2. Trackback from WEBLOG (Tians Wissensallmende Blog)
    posted on January 4th 2006, 04:15:55 pm 22C3 "We lost the War"

Comments

  1. Harald Schinkel returns:
    published on December 28th 2005, 09:50:39 pm *

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  2. Lars Strojny opines:
    published on December 28th 2005, 11:36:38 pm *

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  3. Harald Schinkel returns:
    published on December 30th 2005, 11:35:49 pm *

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  4. Maga Milch returns:
    published on January 1st 2006, 08:53:58 pm *

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  5. Lars Strojny opines:
    published on January 2nd 2006, 10:11:26 am *

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  6. frank reckons:
    published on January 6th 2006, 11:35:17 pm *

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  7. Lars Strojny opines:
    published on January 6th 2006, 11:50:52 pm *

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  8. Harald Schinkel returns:
    published on January 14th 2006, 09:07:09 pm *

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  9. Lars Strojny opines:
    published on January 14th 2006, 09:13:52 pm *

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