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Dreizehn Jahre Waldorfschule - Ein Resumé 124

Update: Ich kann aus Zeitgründen nicht auf alle Kommentare eingehen, die hier eintreffen, stelle aber gerne das Forum für eine rege Diskussion. Grundformen der Höflichkeit bitte ich zu beachten, das Web ist schließlich keine Toilette, ebenso wie wenigstens der Versuch unternommen werden darf, eine kohärente Argumentation zu verfolgen. Kommentare jener Autoren, denen diese Fähigkeiten vollständig abgehen, werden – nunja – nicht freigeschaltet. This’ my turf.

Nun sind sie also vorbei, die dreizehn Jahre, in denen ich eine Schule besuchte, deren geistigen Vater ich verachte, seit ich das Denken lernte und deren politische und weltanschauliche Implikationen ich seit diesem Zeitpunkt kritisiere.

Ich habe zwei Waldorfschulen erlebt, in beiden bot sich ein ähnliches Bild. Beidesmal war die Situation verfahren und – zwar mit unterschiedlichen Schwerpunkten – ähnlich. Mein Artikel wird v.a. die Waldorfschule in Ludwigsburg behandeln, da ich dort zwölf Jahre lang Schüler war. Falls diese irgendwann Rechtsanwälte auf mich losschicken möchten: meine Adresse sollten ihnen ja bekannt sein oder einfach einen whois-Abfrage starten. Das sollten sie ja hinkriegen. Zudem finde ich mich normalerweise im Telefonbuch, also viel Spaß.

Die ersten Jahre…
Die ersten acht Jahre sind sehr, sehr gemütlich. In der ersten Klasse eingeschult, beginnt man zwar sofort Englisch und die zweite Fremdsprache – in meinem Falle Russisch – zu lernen. Von Lernen im eigentlichen Sinne, kann dort keine Rede sein. Man lernt Gedichte und beginnt einfach ein Gefühl für die jeweilige Sprache zu entwickeln. Jeder Tag beginnt mit dem s.g. Hauptunterricht. Die ersten zwei Stunden von 8:00 Uhr bis 9:30h werden acht Jahre lang von ein und derselben Person ausgefüllt. Der s.g. Klassenlehrer. Vorteil hiervon: man hat eine Bezugsperson, einen dezidierten Rhythmus. Der Klassenlehrer unterrichtet in vier- bis sechswöchigen Epochen »Mathematik« (eher: Rechnen), »Deutsch« (eher: irgendwas Schreiben), pseudo-Geographie und »Geschichte« (eher: Märchenstunde). Nachteile dieses Konzepts werden v.a. ca. ab Klasse sechs spürbar. Die Lehrerperson kann inhaltlich nichts mehr bieten, sie ist überfordert und verliert zusehends an Autorität. Der Unterricht wird chaotisch. Meines Erachtens viel zu spät werden naturwissenschaftliche Fächer eingeführt (Chemie in Klasse sieben, Physik in Klasse acht). In Klasse acht beendet das s.g. Klassenspiel, ein von der gesammten Klasse aufgeführtes Theaterstück, die achtjährige Klassenlehrerzeit.
In der ganzen Zeit gibt es keinen Aufklärungsunterricht, Sexualität wird verschwiegen und behindert. Lehrer gehen peinlich-bemüht mit diesem Thema um.

Eurythmie – ein Anachronismus als Charakteristikum
Ein weiterer stetiger Begleiter wird auch in Klasse 1 angelegt: Eurythmie. Beschrieben als in Bewegung transformierte Musik, ist es doch nicht mehr als ein Kotau vor dem großen Gründer Steiner und seiner Wahnwelt. Zudem gibt es noch Heileurythmie: für Schüler, die Probleme haben oder denen Probleme angehängt wurden, gibt es dies. Zwanzig Minuten ist der Schüler dem Heileurythmisten ausgeliefert. Hat Angstzustände, wehrt sich, hat Alpträume etc. Nichts hilft: man muss täglich hin. Heileurythmie wird auch als Druckmittel verwand: wer nicht spurt muss dort hin.

Inhaltliches
Die unterrichteten Fächer sind lächerlich. Die Kenntnisse der deutschen Rechtschreibung nach diesen acht Jahren sind dürftig, ebenso verhält es sich in den Fächern Mathematik, Geschichte und Geographie. Wer die vier Grundrechenarten und ein bisschen Bruchrechnen beherrscht, hat schon gewonnen (hey, damals war ich richtig gut in »Mathematik«).
Geschichte war zum Davonlaufen: man erzählt von Atlantis, von germanischen Götter- und Heldensagen. Allerdings wird dies nicht als Märchen bzw. Sage vermittelt, sondern als ex-existente Realität.

Money, Money, Money…
Da die Waldorfschule immerzu in Geldnöten steckt, nimmt sie jeden: wer von der Sonderschule fliegt, wer auf der Hauptschule keine Chance mehr hat. Dieser »wir-sind-der-Müllhaufen-für-jeden-Versager«-Habitus senkt das Niveau weiter und setzt die Schüler teilweise völlig durchgeknallten Spackos aus. Dies ist kein Plädoyer für eine Eliteschule aber ein bisschen kann man ja schon darauf achten, welches Schaf man sich ins Boot holt. Ab und an fliegt einer, eine Begründung oder offizielle Stellungnahme erhält man nie. Man erfährt es irgendwie hinten herum.

Die Oberstufe
Ab Klasse 9 wird’s nun ein bisschen seriöser: die Schüler sollen all das können, was sie nie gelernt haben. Das Niveau zieht unverhältnismäßig an. Das Aussortieren, das die Waldorfschule nach Selbstbeschreibung ja gar nicht betreibt, beginnt. Die Klasse trennt sich in Hauptschul-, Real- und Abiturszug. Praktischerweise sind in der neunten Klasse die Schüler ja vierzehn bzw. fünfzehn Jahre. Ein Alter also, in dem Lernen und für die Schule büffeln seeeehr beliebt ist.
In den Naturwissenschaften »nothing new«: Chemie und Physik werden v.a. als visuelles Vergnügungsfach gehandhabt und haben mehr Event- als Lerncharakter. Mathematik zieht deutlich an, verschärft den Selektionsdruck. In Deutsch wird erstmalig so etwas wir Literaturarbeit betrieben. In meinem Spezialfall aber nicht ernsthaft, sondern ebenso oberflächlich. Einziger Lichtblick: Geschichte. Hängt aber mit der Lehrerperson zusammen, die zwar persönlich ein Armleuchter ist aber inhaltlich einiges zu bieten hat. Ein weiteres Problem sind die Mathematiklehrer: in meinem Falle von Klasse 9-11 einen Lehrer, der zwar inhaltlich sehr gut war aber die deutsche Sprache sehr mangelhaft beherrschte. Faktisches Resultat: zwei Jahre kein Mathematik- und Physikunterricht. Oft fragte ich mich, wie eigentlich Lehrer eingestellt werden, also welchem Prüfverfahren ihre Einstellung unterliegt. Wir hatten alles: eine prügelnde Musiklehrerin, einen genialen aber alkoholkranken Dirigenten, eine unfähige Deutschlehrerin, die nichts konnte außer Erörterungen schreiben zu lassen, einen unfairen Geschichtslehrer, der seine Symphatien für Islamisten und seinen antiamerikanischen Vernichtungswahn nur schwer hinter dem Berg halten konnte, ebenso wie seine Unsymphatien für Schüler, die über jeden noch so schlechten Witz das Lachen verweigerten.

Wir sind ja sooo menschlich – Individualität als Heilsversprechen
Die Lehrer gehen ganz individuell auf die Schüler ein. Sie geben individuell Noten, sprich: wer am meisten schleimt gewinnt. Wer das nicht kann – oder nicht will – hat verschissen. Kleine Anekdote: Ich hatte in meiner alten Schule bis Klasse 12 regelmäßig Dreier und Vierer in Geschichte und Deutsch. Fühlte mich dort immer unterbewertet, wechselte die Schule und: tatatata, in beiden Fächern eine Eins im Abschlusszeugnis. Ohne Mehraufwand, denn Mehraufwand ist nicht mein Ding. Ganz großartig geht der individuelle Umgang auch bei der Größe der Klassen. Bis zu vierzig Schüler hocken in einem versifften Unterrichtsraum und genießen die – individuelle – Massenberieselung. Frontalunterricht ist Standard, neuere Konzepte kommen nicht vor. Was man hat, kennt man und was man kennt, hat man.

Quo vadis, Waldorfschule?
Für die Trennung von Schule und Steiner: Ein unverbrähmter Rassist, der sich in seinem Ressentiment suhlt, wie das Schwein im Mist, lässt sich nicht vom Kopf auf die Füße stellen. Steiner und seine Ideologie sind nicht reformierbar.
Um realpolitische Vorschläge zu liefern und als unbezahlter Politikberater zu fungieren: Klassen verkleinern, Eurythmie einstellen (meinetwegen in Verbindung mit einem Sozialabkommen für arbeitslose Eurythmielehrer, denn eines ist klar: eine neue Anstellung finden die nicht). Zudem: Naturwissenschaften ab Klasse 6, ernsthaft und wissenschaftlich. Umwandlung der – teilweise coolen – künstlerischen Gimmicks in Projektunterricht, der im Zeugnis angerechnet wird. Einführung eines verbindlichen Lehrplans (es gibt eine Empfehlung, mehr aber auch nicht) der zu erfüllen ist. Prämien für Lehrer, die in einer Klasse einen außergewöhnlich guten Durchschnitt erzielen. Mehr Transparenz: welches Gremium entscheidet was, wer kungelt mit wem, etc. Noten ab Klasse 1: Zusätzlich zu den mündlichen Beurteilungen, muss es Noten geben. Denn: was für eine Note ist »hat teilgenommen«; oder »hat sich bemüht«?

Danke, schlichtweg
Über die ganzen Jahre, gab es v.a. einen Lichtblick: meine Englischlehrerin. Auffallend »unwaldörflich«, gut gekleidet, Autoritätsperson, ernsthaft und direkt aber immer fair und fördernd. Ihr habe ich meine Englischkenntnisse zu verdanken und ebenso, dass ich den Bartel nicht irgendwann hinschmiss. Sie hielt, trotzdem ich von Klasse 9-11 sicher unerträglich war, immer zu mir. Komischerweise. Zwei weiteren Lehrern sei ebenso gedankt: Herrn Valet und Herrn Dr. Ostertag. Beide schafften es, meine Demotivation durch jahrelange Abstumpfung in den Fächern Geschichte und Deutsch zu durchbrechen. Beide Fächer schloss ich mit Bestnoten ab.

Filed on 17-06-2005, 09:09 under , , , , , , & 124 comments & one trackback

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