"Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie verzehrende Heuschrecken unter uns verbreiten, und die das ganze preußische Christentum dem Umsturz drohen, das sind Kinder derer, die da schrien: kreutzige, kreutzige.
Intelligenzblatt für den Unter-Mainkreis des Königreichs Bayern, 20. Juli 1819
Die norwegische Presse, die bisher so gar kein Verständnis für die Judenfrage hatte, merkt plötzlich, was es heißt, wenn eines Tages die Kinder Israels wie die Heuschrecken in ein Land einfallen. Es wird eine ganz heilsame Lehre sein, die Norwegen hier erteilt wird."
Auswärtiges Amt Berlin, 1939
"Wie die Heuschrecken kommen sie über unser Land!"
Aus: Jud Süß, antisemitischer Propagandafilm
"Heuschrecken und Raupen sind diese Juden, sie fressen mein Frankreich auf!“
Napoleon Bonaparte
Interessanter wird es dann schon, wenn den Funktionseliten (oder ihren Propagandaexperten) der Wertverwertung ihre immanenten Krisen zu Kopf steigen: Franz Müntefering – höchstpersönlich passionierter Dummschwätzer und sowas wie das Propagandabureau der SPD – ist dafür ein klassisches Beispiel. Sein Gerede von den Heuschrecken, die den rheinischen Kapitalismus und seine wundervolle soziale Marktwirtschaft bedrohen, soll nun man etwas genauer auf den Zahn gefühlt werden. Nicht mit Hammer und Meisel, wie Münteferings ökonomistische Konkurrenz, sondern vielmehr mit Pinzette, Mikroskop und erst zum Schluss, mit dem legänderen, woody-allen’schen Baseballschläger.
Bei antisemitisch chiffrierten Beiträgen nach Intention zu fragen ist wie immer sinnfrei. Vielleicht wollte er sich einfach neben Napoleon stellen und damit seiner biederen Karriere als Parteisoldat einen weltmännischen Anstrich geben.
Spannender ist also die grundsätzliche Frage danach, wie man auf die Verknüpfung animalischer Bedrohungsszenarien mit Krisenerscheinungen der kapitalistischen Wertverwertung kommt. Dazu bedarf es eines kurzen Exkurses in die geistigen Untiefen des klassisch-orthodoxen Arbeiterbewegungsmarxismus, in dessen Kontinuität, dem Aggregatszustands der sozialdemokratischen Erklärungsversuche, Müntefering durchaus gesehen werden kann.
Der angebliche Antagonismus von Kapital und Arbeit, der bei Marx aus der Differenz zwischen Erkanntem und Milleubestimmtem herrührt, der aber aufgrund seiner einfachen Vermittelbarkeit und seiner fast schon mystischen Anschlussfähigkeit von Anbeginn der post-industriellen Arbeiterbewegung zentrale Identitätfindungsfunktion darstellte, ist die Grundlage der Idee von der äußeren Bedrohung. Da Arbeiterbewegung und somit die Affirmation derselben für die Wahlchancen der SPD irrelevant geworden sind, findet nun die Transformation des falschen Weltbildes auf das Phänomen der herbeigeredeten Globalisierung statt. Hierbei ist der Nationalstaat der Gute – als postfordistischer Nachfolger des obsolet gewordenen, tüchtigen und rechtschaffenden (sic!, welch emanzipatorische Kategorien) Arbeiters – der gegen das Äußere, früher das Kapital in generale und seine Transformationsstufen als heutige Multinationale Konzerne bzw. eben der Private-Equity-Trusts verteidigt werden muss. Der Dualismus von »kleiner Mann« und Stammtisch ist hierbei verlockend und sorgt für seine exaltierte Position als Werbeobjekt: die Sorge des kleinen Mannes, dessen Beschädigung – emotionale und soziale Disfunktionen – es nicht einmal zulassen, seine eigene Unmündigkeit zu erkennen, ist somit beliebter Anknüpfungspunkt für soziale Phrasendrescherei. Egal ob von links oder von rechts. Die Schnittstelle von Antisemitismus und Antiamerikanismus, der Müntefering hier – ob bewusst oder unbewusst – auf den Leim geht, ist nichts weiter als die Transformation des Ressentiments auf das aktualisierte Objekt »der Begierde«.
"Die Glorifizierung des Underdogs ist die Glorifizierung seiner Gesellschaft"Wenn also der Jude fehlt, weil Auschwitz sein Übriges tat, bedarf es der erneuten Suche eines Projektionsopfers. Hier erfindet sich der Ungeist seinen amerikanischen Trust und seinen promiskuren Turbokapitalismus um seiner vormodernen Sehnsucht nachmodern Nachdruck und Faktizität zu verleihen. Das Puppenspiel zwischen Ökonomie und dem Createur ihres Rahmens, der Politik, ist gleichsam zu kritisieren. Die mörderische Vernunft der Wertvergesellschaftung und deren notwendiges Pendant der ebenso tödlichen Unvernunft: dem Ressentiment und Wahn.
Theodor W. Adorno, »Minima Moralia«
Update:
Gerade habe ich noch dieses Banner gefunden. Wie Recht Sie haben. Müntefering und Lafontaine stehen wundervoll in einer Linie mit Lenin, der Marx noch nie verstand.
Filed under Philosophie, Politik & one comment & three trackbacks
Trackback specific URI for this entry
Trackback from WEBLOG (Wahlblog)
posted on June 5th 2005, 11:01:12 am